Gleichzeitigkeiten.

Elena Lynch schreibt in ihrer Kolumne im Walliser Boten über Mutterschaft. Texte dieses Art berühren mich jeweils sehr, weil ich mit dieser Rolle auch oft hadere. Und doch wünsche ich den jungen Frauen etwas mehr Leichtigkeit. 

 

Deshalb hier der Versuch einer Antwort, in Form eines Briefes.

Liebe Elena

Ich habe deine Kolumne übers Mutter werden gelesen. Ich lese alle Kolumnen übers Mutter werden oder Mutter sein. Sie berühren mich. Einerseits, weil ich mir wünschte, ich hätte mir damals auch so viele Gedanken gemacht. Andererseits, weil ich es auch etwas bedaure, dass ihr jungen Frauen so sehr darüber nachzudenken scheint, dass euch die Zeit davonrennt. Tatsächlich denke ich, dass es keine abschliessende Antwort auf eure Fragen gibt. Der Entscheid, Mutter zu werden, ist der vielleicht radikalste und mutigste, den es gibt. Weil niemand voraussagen kann, was es mit einem macht. Und weil der Entscheid nicht rückgängig gemacht werden kann. Doch bei allen Zweifeln, es kann auch gut kommen :).
Ich dachte, ich schreibe dir davon, ohne zu beschönigen. Ich möchte der Frage etwas Schwere nehmen. Meine Gedanken sind sehr persönlich und ich habe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Et voilà:
Es freut mich (und macht mir Hoffnung), dass ihr jungen Frauen nicht mehr einfach so ins Muttersein hineinschlittert. Dass ihr euch überlegt, was es mit euch machen könnte, auf allen erdenklichen Ebenen finanziell ebenso wie emotional und körperlich. Gleichzeitig nimmt es dem Leben auch etwas Leichtigkeit. Und das ist es, was mir bei der Gen Y (und Z) oft etwas fehlt. Leichtigkeit. Zwar ist euch Work-Life-Balance und Sinnhaftigkeit vielleicht wichtiger als noch uns von der Gen X. Aber ihr seid immer so ernst in allem. 
In einem Briefwechsel zur Mutterfrage las ich kürzlich in der NZZaS, dass man kaum je hört, wie schön es ist, Kinder zu haben. Das stimmt. Und das bedaure ich sehr. Schuld daran ist nun leider tatsächlich meine Generation. Wir sind im Glauben aufgewachsen, dass wir alles schaffen können, wenn wir nur wollen und uns nur gut organisieren. Wir haben studiert, waren gedanklich emanzipiert und mussten nach der Geburt der Kinder jäh erfahren, dass für Mütter andere Masstäbe gelten. Individuelle und gesellschaftliche Erwartungen, fehlende Betreuungsstrukturen und ökonomische Wahrheiten haben uns zu gestressten und müden Müttern gemacht. Und damit zu nicht sehr motivierenden Vorbildern für euch und unsere Töchter. Dennoch möchte ich etwas Mut machen.
Ich bin keine dieser Mütter, die alles verklären und bei weitem keine Tradwife. Manchmal trage ich aus Trotz einen Rock, der geschnitten ist wie diese Kleider aus "The Wife of Stepford", und lächle den ganzen Tag in mich hinein. Ich backe aus politischen Gründen nicht für Kuchenbuffets und habe dabei immer ein schlechtes Gewissen. Ich war auch oft von einstmals ambitionierten Freundinnen enttäuscht, die dann doch den Namen des Partners annahmen, ihren Job auf ein Kleinstpensum reduzierten und nur noch über die Rezeptur von Babybrei sprachen. (Heute sehe ich es etwas anders, grad was die Erwerbsarbeit angeht und diesen "Lean-In-Feminismus"). Ich fühlte mich immer auch etwas verraten, weil sie meine Zweifel so gar nicht teilten. Mehr noch, meine Zweifel waren in diesen Runden gar nicht angebracht. Ich fand die Baby- und Kleinkindjahre schwierig. Es war mir körperlich und emotional zu viel, intellektuell zu wenig. Aber halt! Ich will ja hier über Positives berichten, oder Gleichzeitigkeiten :). Also:
Ich war sehr gerne schwanger, nie zuvor fühlte ich mich weiblicher und hatte mehr Energie. Die Geburten waren sehr, wirklich sehr schöne Erfahrungen (sollten dir die Leute mal Angst davor machen, ruf mich gerne an). Aber ich "konnte" kaum stillen. Es war mir zu nah, v.a. beim zweiten Kind, das erste erst anderthalb und immer auf dem anderen Schoss. (Das habe ich bisher vielleicht drei Menschen erzählt, es ist das allergrösste Tabu überhaupt, ich habe den Satz hier drei Mal gelöscht und wieder eingefügt, weil ich ungeschönt schreiben will. Man darf nun gerne Steine werfen, vielleicht ist die eine oder andere auch froh, es zu lesen).
Die Kinder sind nur eineinhalb Jahre auseinander, die Kleinkindphase war anstrengend, gleichzeitig war sie damit auch mal vorbei. Eine Freundin sagte mir immer, wenn das Jüngere drei sei, werde es besser. Bei mir wurde es spürbar besser, als die Jüngere in die erste Klasse kam. Sie war sieben (Sorry! :D). Die Kinder sind heute 11 und 13. Wir haben es sehr oft sehr lustig am Esstisch, diskutieren über alles Mögliche, auch über Politik und Gesellschaft. Wir fahren alle gerne Ski, lieben Campingferien genauso wie ein schönes Hotel, das Meer ebenso wie die Berge. Gleichzeitig sind wir völlig überfordert mit dem Medienkonsum, der Schule, wenn es Streit mit Freund:innen gibt. Die Kinder sind sehr unterschiedlich. Der Sohn ist offen für alle Gleichstellungsthemen, er redet mit, wenn es um die Wahlen in Amerika und Deutschland geht. Die Tochter interessiert Politik noch nicht im Geringsten, sie will Mathe studieren und fragt sich ständig, was sie mit diesem Studium dann anfangen kann, weil sie ja auch draussen arbeiten will. Er ist oft etwas melancholisch, sie ist sehr fokussiert. Er liest viel, sie nur, um mir eine Freude zu machen. Allermeistens verstehen sich die beiden sehr gut. Es ist nicht einfach nur anstrengend, sondern auch sehr schön und total spannend, sie zu begleiten. (Ich hatte mich etwas vor dem Primarschulalter gefürchtet, weil ich selbst ungern Kind war, aber jetzt finde ich diese Zeit das Grösste. Einer Arbeitskollegin geht es genau umgekehrt. Sie fand die Babyjahre schön und hadert jetzt).
Kürzlich fragte mich eine junge Frau, ob ich es bereuen würde, Mutter geworden zu sein. Vielleicht gab es solche Phasen früher tatsächlich, hätte ich mich getraut, mir diese Frage zu stellen. Aber heute, nach 13 Jahren, kann ich sagen, dass es für mich nichts grösseres gibt, als die viel besungene Mutterliebe. Dieses Gefühl hat eine ganz eigene Tiefe, die ich in Worten nicht beschreiben kann. Manchmal schaue ich die Kinder an und bin einfach nur sehr berührt, dass es sie gibt. Um mir dann im nächsten Moment grosse Sorgen zu machen, was aus ihnen wohl wird und ob ich sie ausreichend gut begleite. Ich glaube nicht, dass es zu einem "vollen" Leben Kinder braucht. Aber sie sind das "volle" Leben. Es ist sehr bereichernd, die beiden Kinder als Teil meines Lebens zu wissen. Mit ihnen zu wachsen. Der Alltag verändert sich auch ständig irgendwie. Die Themen, die uns beschäftigen, sind heute andere als vor fünf Jahren. Es sind ständig auch Entwicklungsschritte für uns Eltern dabei.
Was ich für mich sicher weiss: ich hätte mich auf dieses Abenteuer nie ohne meinen Mann eingelassen. Ich habe Hochachtung vor Frauen, die das Mutter- bzw. Elternsein alleine stemmen. Mir war es wichtig, dass wir die Verantwortung gemeinsam tragen. Sowohl was das Emotionale, als auch was das Finanzielle betrifft. Es gab und gibt viele Aushandlungsprozesse und ich bin sehr froh und dankbar, weiss ich meinen Mann an meiner und an der Kinders Seite.
Bevor ich zum Schluss komme: Ich dachte immer, ich müsse beruflich weiter Gas geben, hatte Angst, mich als Mensch, als Frau zu verlieren. Im Rückblick wäre ich vielleicht gelassener, weil ich jetzt weiss, dass die Kinderjahre doch recht schnell vorbeiziehen (was mir oft gesagt wurde, ich aber nie glaubte). Und doch bin ich froh, bin ich immer drangeblieben. Jetzt habe ich eine sehr interessante und gut bezahlte Stelle in Bern und lebe mit der Familie in Zermatt. Dass ich zwischen diesen beiden Welten pendeln kann, ist ein unglaubliches Privileg. Es ist manchmal anstrengend, gibt mir aber auch viel Energie. Ich übernehme ganz sicher weniger Betreuungsarbeit, aber noch immer mehr Mental Load als mein Mann. Meine Tochter mag es nicht so gerne, dass ich nach Bern zur Arbeit fahre und auch dort übernachte, sie hätte uns am liebsten immer beide zu Hause. Natürlich schmerzt mich das. Mein Sohn sagt, er möchte bald wieder mit mir in die Stadt kommen. Das gibt mir die Zuversicht, dass ich nicht alles falsch mache. Ich hoffe fest, dass wir ihnen als Eltern vorleben können, dass sie sich nicht für Kinder oder den Beruf entscheiden müssen, dass verschiedene Lebensentwürfe möglich sind, aber auch, dass nicht alles einfach so easy peasy ist.
Es ist ein bisschen lustig. Lange haderte ich damit, dass ich mir all diese Gedanken, was das Mutter sein mit mir machen könnte, nicht früher machte. Dass ich dies alles viel zu naiv anging. Und heute bin ich manchmal froh darüber. Nicht sicher, ob ich Mutter geworden wäre, hätte ich alles abgewogen. Bzw. alles gewusst. Und das wäre, mit Blick auf die beiden Kinder, die das Leben von meinem Mann und mir nun so stark prägen, sehr schade.
Was ich dir unbedingt sagen will: Das viele Nachdenken in eurer Generation nimmt euch vielleicht die Leichtigkeit, aber es ist auch eure grosse Kraft. Ihr könnt auch eure Zweifel miteinander teilen, auch wenn die Kinder dann da sind, sofern ihr euch dafür entscheidet. Bei mir war das noch kaum möglich, weil sich das Hadern übers Mutter sein einfach nicht gehörte. Es gibt nur sehr wenige Menschen, mit denen ich das teile (und jetzt dieser Blogbeitrag :D). Das ändert sich allmählich und ist eine Riesenchance, sich gegenseitig zu stärken und verbunden zu sein. Ganz so wie es Franziska Schutzbach sagt.
Das ist alles. Kein "macht es", oder "macht es nicht". Einfach ein Aufzeigen von Gleichzeitigkeiten. Niemand kann euch versprechen, dass es gut wird. Aber es ist möglich.
Herzlich, Danica
P.S. ich empfehle dir sehr das erste Kapitel im Buch "Kindheit. Eine Beruhigung", herausgegeben von Oskar Jenni. Das Buch wurde in einem Kollektiv geschrieben, das erste Kapitel trägt den Titel "Warum eigene Kinder?" und beleuchtet die Frage insbesondere aus einer philosophischen Perspektive.